Lasst mich in Ruhe mit New Work! Tagebucheintrag einer typischen Organisation

Warum tun sich viele Organisationen schwer mit New Work? Erkennen sie nicht die Zeichen der Zeit? Kann Gesetzgebung die von New Workern geforderten Entwicklungen in Organisationen beschleunigen? Oder haben Organisationen am Ende sogar gute Gründe, so zu bleiben, wie sie sind? Ein Beitrag zur Blogparade #NewWorkPolicies von sterneundplaneten.

Aus dem Tagebuch eines Traditionsunternehmens*

Sonntag, den 8. November 2020, irgendwo in Deutschland

Endlich Ruhe.

Als Organisation kann man sich heutzutage ja nicht mal mehr am Wochenende sicher sein, dass die eigenen Mitglieder nicht geschäftig ihrem Work-Life-Blending nachgehen. Dabei sollte man meinen, dass sie bei mir genug verdienen, um in ihrer Freizeit auch mal die Füße hochzulegen. Aber nein: Selbstverwirklichung suchen sie. Purpose wollen sie. Mich vor der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit retten.

Dass ich nicht lache!

Einer der größten Arbeitgeber weltweit, bis heute Marktführer in meinem Segment, und in Sachen Produktqualität für immer unerreichbar. Da können sich die Asiaten noch so anstellen. Gut, das mit der Abgasgeschichte hat mich etwas ins Schlingern gebracht. Aber das war einfach Pech.

Und selbst wenn. Selbst, wenn wir durch das Geschrei der aufmüpfigen Kids da draußen demnächst wirklich einen grünen Kanzler haben. Was will der schon ausrichten? Im schlimmsten Fall wird mir vier Jahre lang mit drastischen Maßnahmen gedroht, die dann doch nie so eintreten. Also nicht ablenken lassen. Ich mache weiter das, was ich am besten kann: Verbrennungsmotoren bauen.

Und dafür brauche ich weiß Gott kein New Work. Was soll das überhaupt heißen: New Work? Neue Arbeit, schon klar. Und was war an der alten bitte schlecht?

Mag ja sein, dass meine Mitglieder das toll finden, wenn auf einmal alle mitreden dürfen. Aber was habe ich als Organisation davon? Vor allem ja wohl Scherereien. Keiner weiß mehr, was er zu tun hat, alle kritzeln bunte Zettel voll, und dann kostet das auch noch einen Haufen Geld. Nur damit Lieschen Müller ihre Arbeit sinnvoll findet.

Achja, der Kunde soll angeblich auch profitieren. Und was bitte hat den Kunden gestört? Bei mir hat sich noch keiner beschwert, dass er mit unseren Autos nicht von A nach B gekommen wäre. Und das ehrlich gesagt besser als mit so manch anderem neumodischen Gefährt. Ich sag nur: Reichweite.

Wenn mir einer glaubhaft versichern könnte, dass der ganze Quatsch das wert ist, was er kostet, dann würde ich vielleicht ja mit mir reden lassen. Aber auch nur dann. Und da das bisher nicht passiert ist, mache ich weiter. Einer muss es ja machen. Sonst können wir den Laden wirklich bald dicht machen.

Das Gute ist, ich kann sie zwingen. Wenn sie sich nicht an die Regeln halten, schmeiße ich sie raus. So einfach ist das. Ich sag nur: Mitgliedschaftsbedingungen. Und wenn meine formalen Regeln nicht reichen, habe ich immer noch mein Wundermittel: Die Regeln der Organisationskultur. Die versuchen sie zwar auch immer mal wieder zu verändern, aber von ein paar bunten Plakaten und Booklets lasse ich mich nicht aus der Ruhe bringen.

Dank der Widerstandskraft meiner Organisationskultur sind die allermeisten meiner Mitglieder auch vernünftig. Ein paar Spinner gibt’s ja immer. Mit denen bin ich bisher aber auch ganz gut fertig geworden. Teilautonome Gruppenarbeit, Lean Management und was sie sich schon alles ausgedacht haben. Am Ende zählt allein, was mir bei meiner Autopoiese hilft. Und was das ist, bestimme immer noch ich!

Wie sähe der Tagebucheintrag Deiner Organisation aus? Und was bedeutet das für Dein New Work-Projekt?

*) Dieser Tagebucheintrag ist Fiktion. Ähnlichkeiten mit real existierenden Organisationen sind beabsichtigt, erheben jedoch keinen Wahrheitsanspruch. Die im Text geäußerten Meinungen geben weder die Meinung der Autorin noch anderer konkreter Personen wieder.

Beitragsbild: Austrian National Library, Unsplash

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