Demokratie ist für Staaten – nicht für Unternehmen

Im Diskurs über moderne Unternehmensführung stößt man immer wieder auf die Idee, Entscheidungen in Unternehmen basisdemokratisch herbeizuführen. Die Befürworter von Unternehmensdemokratie oder demokratischen Unternehmen sehen hierin ein Modell, das Mitarbeiterinteressen stärker berücksichtigt und in einer komplexen Umwelt zu besseren unternehmerischen Entscheidungen gelangt als eine hierarchische Organisation. Ich kann und will diese beiden Annahmen hier nicht abschließend beurteilen. Das Brexit-Referendum verdeutlicht aber ein Kernproblem, das in der Diskussion aus meiner Sicht bisher zu wenig Beachtung findet: Demokratie funktioniert nur in Gemeinschaften auf Lebenszeit.

Zu den größten Aufregern rund um das Brexit-Referendum gehört die Tatsache, dass vor allem diejenige Wählergeneration für den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs gestimmt hat, die die Konsequenzen voraussichtlich nicht mehr in voller Gänze erleben wird. Puh, könnte sich da manch demokratisch organisiertes Start-up sagen, zum Glück sind unsere Leute nicht älter als 35! Die müssen noch mindestens 30 Jahre mit ihren Entscheidungen leben. Außer…

Außer sie kündigen! Dann sind es nur noch 1 bis 6 Monate. Der Unterschied zwischen Unternehmen und Staaten ist, dass man aus Staaten nicht so einfach austreten kann. Deswegen ist hier die einzig legitime Herrschaftsform die Demokratie. In einer Organisation, aus der die Mitglieder jederzeit freiwillig austreten können, besteht immer ein hohes Risiko, dass Menschen durch ihre Stimme Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen sie nicht mehr tragen müssen. Die von Unternehmensdemokrat Dr. Andreas Zeuch aufgeworfene Frage, “wie es für möglichst viele Vertreter der Belegschaft faire Entscheidungen geben kann”, stellt sich damit nicht nur für Organisationen, in denen mehr ältere als junge Menschen arbeiten. Sondern für alle Organisationen, aus denen man selbstbestimmt austreten kann. Also für alle Unternehmen.

Hierarchisch entscheidende Organisationen lösen dieses Problem durch die individuelle Verantwortung von Führungskräften. Die könnten zwar auch nach der Maßgabe “nach mir die Sintflut” handeln, müssen sich dann aber vor Aufsichtsräten, der Öffentlichkeit und zukünftigen Arbeitgebern verantworten. Der Verantwortliche für den Brexit wird noch gesucht.

2 thoughts on “Demokratie ist für Staaten – nicht für Unternehmen

  1. Liebe Frau Lambertz,

    schön, dass Sie sich mit kritisch mit dem Thema Unternehmensdemokratie befassen, das freut mich und sicher auch meine KollegInnen.

    Sie schreiben: “Im Diskurs über moderne Unternehmensführung stößt man immer wieder auf die Idee, Entscheidungen in Unternehmen basisdemokratisch herbeizuführen.” – Mit Verlaub, da haben sie aber nicht allzuviele Beiträge im Blog der Unternehmensdemokraten gelesen und mein Buch vermutlich auch nicht. Denn genau das ist eines der üblichen Standardirrtümer: Unternehmensdemokratie = Basisdemokratie. Das ist, ganz nüchtern betrachtet, sachlich nicht korrekt. Es gibt alle möglichen Formen demokratischer Teilhabe in Organisationen, relativ häufig finden sich repräsentative Formen, zB durch die Wahl von Betriebsräten oder Führungskräften bis hin zum CEO. Und natürlich stellen wir das in diversen Blogbeiträgen klar und in meinem Buch ist das ganze dann ausführlich erläutert.

    “In einer Organisation, aus der die Mitglieder jederzeit freiwillig austreten können, besteht immer ein hohes Risiko, dass Menschen durch ihre Stimme Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen sie nicht mehr tragen müssen.” Wohl wahr, ist aber bei allen Unternehmen, die ich in ausführlichen Fallstudien beschrieben habe, nicht die Regel sondern immer nur die Ausnahme gewesen. Das scheint mir also eher ein theoretisches Argument zu sein. Mich würde eine empirische Argumentation über entsprechende Falldarstellungen interessieren, damit ich daraus was lernen kann.

    “Hierarchisch entscheidende Organisationen lösen dieses Problem durch die individuelle Verantwortung von Führungskräften. Die könnten zwar auch nach der Maßgabe „nach mir die Sintflut“ handeln, müssen sich dann aber vor Aufsichtsräten, der Öffentlichkeit und zukünftigen Arbeitgebern verantworten.” Das kann so sein, allerdings finden wir immer wieder FK, die diese Verantwortung nicht übernehmen und trotzdem problemlos anderswo Karriere machen können. Und inwiefern sich FK tatsächlich der “Öffentlichkeit” stellen müssen, erscheint mir sehr fragwürdig.

    Soweit mal in Kürze meine Reaktion.

    Herzliche Grüße
    Andreas

    1. Lieber Herr Dr. Zeuch,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Mir ist bewusst, dass Unternehmensdemokratie nicht mit Basisdemokratie gleichzusetzen ist. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Abstimmungen auf Mitarbeiterebene durchaus eines der möglichen Elemente von Unternehmensdemokratie sind. Diesen Punkt habe ich anlässlich des Brexit-Referendums herausgegriffen, um das Problem der Verantwortung zu verdeutlichen, das sich aus meiner Sicht für demokratische Elemente in Unternehmen stellt.

      Die Tatsache, dass das von mir (theoretisch) beschriebene Problem in der Praxis noch nicht aufgetaucht ist, lässt nicht den Schluss zu, dass es auch zukünftig nicht auftreten wird. Deshalb sollte die Frage meiner Meinung nach in der Diskussion über Demokratie in Unternehmen berücksichtigt werden.

      Viele Grüße
      Anne Lamberts

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